Worms - Warmaisa
Die heilige Gemeinde von Worms (Warmaisa)
Die jüdische Gemeinde in Warmaisa, dem heutigen Worms, wurde vermutlich kurz vor der Jahrtausendwende gegründet. Die Stifterinschrift der ersten Synagoge stammt aus dem Jahr 1034. Dank seiner renommierten Talmud-Akademie entwickelte sich Warmaisa Mitte des 11. Jahrhunderts zu einem Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit mit überregionaler Strahlkraft.
Das Besondere an Warmaisa ist, dass die jüdische Gemeinde fast ununterbrochen über einen Zeitraum von mehr als 900 Jahren bestand. Ab 1074 entwickelte sich eine enge Beziehung zum Herrscherhaus der Salier unter Kaiser Heinrich IV., welches der jüdischen Gemeinde weitreichende Privilegien zusicherte. Die Gemeinde trug nicht nur wesentlich zur Urbanisierung der Stadt bei, sondern auch zum politischen Erfolg der Salier. Im Jahr 1938 endet die lange Geschichte der „heiligen Gemeinde von Worms“ abrupt mit dem Terror der Nationalsozialisten.
Fun Fact
Kennst Du den Golem?
Wusstest du, dass der Golem als schützendes Wesen bereits im 13. Jahrhundert in der SchUM-Stadt Worms erdacht wurde? Der Gelehrte Eleazar ben Jehuda Kalonymos nahm an, dass bestimmte Zahlen- und Buchstabenkombinationen des hebräischen Alphabets unbelebte Materie zum Leben erwecken können. Die Idee des Golems war geboren! Von Worms aus wanderte die Golem-Legende in die Welt – zunächst nach Prag und Polen. In den 1940-er Jahren erlebte der Golem in den USA eine Wiedergeburt als Comic-Held, unter anderem als Superman und Batman.
Wormser Synagoge und Frauenschul als Vorbild
Die Wormser Synagoge, errichtet 1174/75, hat den Synagogenbau in Europa maßgeblich geprägt. Das architektonische Konzept – ein zweischiffiger Hallenbau mit zwei Säulen in der Mitte – fand Nachahmung bei anderen mittelalterlichen Synagogen, zum Beispiel in Regensburg, Prag, Wien und Krakau.
In den SchUM-Gemeinden hatten Frauen einen hohen sozialen Status. Um dem gerecht zu werden, errichtete man 1212/13 erstmals einen eigenen Betraum für Frauen, die sogenannte Frauenschul. Über Hörschlitze konnten sie am Gottesdienst der Männer teilnehmen. Dem Beispiel von Worms folgten weitere Gemeinden im aschkenasischen Raum, unter anderem Speyer, wo Mitte des 13. Jahrhunderts eine Frauenschul entstand.
Wiederaufbau in Erinnerung an „Klein-Jerusalem am Rhein“
1934 feierte die Wormser Synagoge ihr 900-jähriges Bestehen, auch wenn Pogrome sowie kriegerische Auseinandersetzungen seit dem Mittelalter ihre Spuren hinterlassen hatten. In der Reichspogromnacht 1938 setzten die Nationalsozialisten die Synagoge in Brand und sprengten anschließend die Trümmer. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Synagoge originalgetreu wieder aufgebaut. Dabei kamen auch ursprüngliche Bauteile zum Einsatz, die gerettet werden konnten. Warmaisa – auch „Klein-Jerusalem am Rhein“ genannt – gilt bis heute als bedeutender Erinnerungsort jüdischer Geschichte. Die Wiedereinweihung der Synagoge im Jahr 1961 fand große internationale Beachtung. Eine jüdische Gemeinde gab es zu diesem Zeitpunkt in Worms allerdings nicht mehr.
Tahara-Haus auf dem „Heiligen Sand“ in Worms
Dass der 1.000 Jahre alte jüdische Friedhof „Heiliger Sand“ über eine so lange Zeit fast unzerstört blieb, ist einzigartig in Europa. Anhand der rund 2.500 Grabsteine kann man die wechselvolle Geschichte der einst bedeutenden jüdischen Gemeinde Warmaisa eindrucksvoll nachvollziehen.
Erhalten ist auch das Tahara-Haus (Leichenwaschhaus). Es wurde 1625 erbaut und ist damit das älteste bekannte Leichenwaschhaus im aschkenasischen Raum. Hier wurden die Toten rituell gewaschen und die Beerdigungen vorbereitet. Vor dem Tahara-Haus befindet sich ein Handwaschbrunnen, denn es ist jüdischer Brauch, nach dem Verlassen des Friedhofs die Hände zu reinigen.
Raschi-Jeschiwa und Raschi-Stuhl
In der Raschi-Jeschiwa, einem kleinen, ovalen Lehrhaus aus dem 17. Jahrhundert, diskutierten einst jüdische Schüler mit ihren Lehrern. Seit Jahrhunderten wird dieser Ort mit dem großen französischen Gelehrten Raschi in Verbindung gebracht, der Mitte des 11. Jahrhunderts in Mainz und Worms studiert hatte. Sowohl das Lehrhaus als auch der Lehrstuhl sind nach ihm benannt – und das, obwohl Raschi nie selbst auf diesem „Thron“ saß. Besucherinnen und Besucher finden in der Wormser Jeschiwa einen authentischen Ort, an dem der Geist Raschis noch spürbar zu sein scheint. Nach den Zerstörungen in der NS-Zeit wurde die Raschi-Jeschiwa mit dem Raschi-Stuhl als besonderer Erinnerungsort originalgetreu wiederaufgebaut.
Ein Prachtstück: Der Wormser Machzor (1272)
Rund 650 Jahre lang nutzte die jüdische Gemeinde den Wormser Machzor als offizielles Gebetbuch an Feiertagen. Die reich illustrierte Handschrift aus dem Mittelalter gilt als eines der ältesten und bedeutendsten Gebetbücher des aschkenasischen Judentums. Darin findet sich auch ein jiddischer Satz, geschrieben mit hebräischen Buchstaben. Dieser Segensspruch gilt als frühestes Zeugnis der jiddischen Sprache. Er besagt: Wer den Machzor in die Synagoge trägt, möge einen guten Tag erleben. Beide Bände des wertvollen Wormser Machzor konnten während der NS-Zeit vor der Zerstörung bewahrt werden. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden sie der Nationalbibliothek in Jerusalem übergeben.
Jiddisch? Jiddisch!
Was ist Jiddisch?
Als sich Jüdinnen und Juden am Rhein niederließen, übernahmen sie den Wortschatz des Mittelhochdeutschen. So entwickelte sich das Jiddische – wörtlich jüdisch oder Judendeutsch – als eigene Alltagssprache mit hebräischen Komponenten. Mit der jüdischen Migration nach Osteuropa kamen Wörter aus slawischen Sprachen hinzu. Infolge der Auswanderungswellen nach Übersee und der Vertreibung während der NS-Zeit wird Jiddisch heute vorwiegend in Israel und in den USA gesprochen.
Jiddischer Wortschatz
In der deutschen Sprache gibt es viele Wörter, die ursprünglich aus dem Jiddischen stammen. Hier eine Auswahl an Begriffen und Redewendungen, die fest im deutschen Alltagswortschatz verwurzelt sind.
Wörter und Redewendungen aus dem Jiddischen im deutschen Wortschatz
Schmiere stehen
jiddisch „schmiro“ für Wache, Wächter
umgangssprachlich für „bei einem Vergehen Wache halten“
Hals und Beinbruch!
jiddisch „Hazloche un Broche“ für Erfolg und Segen
Verballhornung für „Viel Glück“ vor einer großen Herausforderung
Chuzpe
jiddisch „chuzpo" für Unverschämtheit
Frechheit, Dreistigkeit, Anmaßung
Kaff
jiddisch „kephar" für Dorf
verächtlich für „Provinzstadt“, Dorf
Knast
jiddisch „knas" für Strafe, Freiheitsstrafe
umgangssprachlich für Gefängnis
Wörter aus dem Jiddischen im deutschen Wortschatz
malochen
jiddisch „melochnen" für arbeiten, machen
umgangssprachlich für (schwer) arbeiten
mauscheln, Mauschelei
jiddisch „mossele, mauschele" für ein stark jiddisch gefärbtes Deutsch, das hebräische Wörter oder Wendungen enthält, wenn also jemand Deutsch „in der Sprache Mose“ spricht
umgangssprachlich für sich heimlich verabreden, intrigieren, kungeln, mogeln
Mischpoke
jiddisch „mischpocho" für Familie, Gattung
verächtlich für Familie, üble Gesellschaft
Reibach
jiddisch „rewach, rewoch" für Vorteil, Gewinn, Zins
umgangssprachlich für unverdient hoher Gewinn, Nutzen, Vorteil
Stuss
jiddisch „schtus“ für Narrheit, Unsinn, Scherz
umgangssprachlich für Unsinn, Dummheit