Warum liegt die Wiege des aschkenasischen Judentums ausgerechnet in Mainz? Für die Gründung einer jüdischen Gemeinde sind hier die Voraussetzungen günstig. Viele Menschen jüdischen Glaubens aus Frankreich und Italien finden in Mainz eine neue Heimat. Unter ihnen ist auch die Gelehrtenfamilie Kalonymos aus Lucca.
912-1024
Zeit der ottonischen Könige und Kaiser
Erzbischof Willigis steht im engen Austausch mit dem Kaiserhaus der Ottonen. Beide garantieren der jüdischen Gemeinde Schutz und Handelsfreiheit. Unter diesen Bedingungen kann sich die jüdische Gemeinde in der Handelsstadt am Rhein wirtschaftlich schnell entwickeln.
Erzbischof Willigis lässt den neuen Mainzer Dom bauen. Mainz ist zu diesem Zeitpunkt kirchlicher und politischer Mittelpunkt des Reichs.
Kaiser Otto II. erlebt eine katastrophale Niederlage gegen die Sarazenen in Süditalien. Laut Legende überlässt ein italienischer Jude namens Kalonymos in dieser aussichtslosen Situation dem Kaiser sein eigenes Pferd. Als Dank für diese lebensrettende Geste verspricht Otto II. der Familie Kalonymos ein Bleiberecht im goldenen Mainz.
Um 1000
Zentrum der Gelehrsamkeit
Um die Jahrtausendwende begründet Rabbi Leontin das intensive Talmud-Studium in Mainz. Eine Talmud-Hochschule, eine Jeschiwa, wird eröffnet. Studierende und Gelehrte kommen aus ganz Europa. Einige wenige kommen sogar aus Jerusalem an den Rhein. Magenza wird zum Zentrum der Gelehrsamkeit. Die jüdische Gemeinde Magenza erlebt zu dieser Zeit ihre größte wirtschaftliche und geistige Blüte. An der Jeschiwa entstehen neue liturgische Dichtungen und Rechtsgutachten, die das aschkenasische Judentum bis heute prägen.
Der Talmud („Studium, Lehre“) ist nach der Tora das bedeutendste Werk des Judentums. Diese umfangreiche Sammlung der mündlichen Lehre enthält Auslegungen und Rechtsentscheidungen jüdischer Gelehrter aus vielen Jahrhunderten. Der Talmud ist eine Art „Wegweiser“ für das jüdische Religionsgesetz (Halacha). Er erläutert, wie Rechtsvorschriften, Toragesetze und rabbinische Vorschriften im Alltag verstanden und angewendet werden sollen. Es gibt zwei Fassungen: den Jerusalemer Talmud und den Babylonischen Talmud.
Aschkenas ist eine alte hebräische Bezeichnung für Deutschland. Im Mittelalter entwickelten sich entlang des Rheins in den SchUM-Städten religiöse und kulturelle Traditionen, die sich später durch Migration bis nach Osteuropa verbreiteten. Das Jiddische ist Teil ihrer kulturellen Identität.
Die Traditionen des aschkenasischen Judentums unterscheiden sich von denen der Sephardim (Iberische Halbinsel / Nordafrika) und der Mizrachim (Vorderasien). Die Aschkenasim machen heute weltweit etwa Zweidrittel der jüdischen Gemeinschaft aus.
In den drei Gemeinden am Rhein finden Menschen jüdischen Glaubens im 11. Jahrhundert für mehrere hundert Jahre eine Heimat in der Diaspora. Wie sehr sie sich hier zu Hause fühlen, unterstreicht die selbstgewählte Bezeichnung für die SchUM-Gemeinden als „Jerusalem am Rhein“.
SchUM ist der einzigartige Gemeindeverbund der drei jüdischen Gemeinden in Speyer, Worms und Mainz, der die jüdische Welt bis heute prägt.
Der Begriff SchUM ist ein Akronym aus den Anfangsbuchstaben der drei mittelalterlichen hebräischen Städtenamen:
Speyer Schpira ש Schin [Sch]
Worms Warmaisa I Waw [U]
Mainz Magenza מ Mem [M]
Eine antisemitische Darstellung zeigt einen Juden aus den SchUM-Städten in zeitgenössischer Tracht mit Judenhut und gelbem Ring.
Die Knoblauchknolle in der rechten Hand weist auf die Doppeldeutigkeit des Begriffs SchUM, was im Hebräischen auch Knoblauch bedeutet, hin. Auch der Geldsack greift ein gebräuchliches Stereotyp auf.
nach 1120
Jüdische Gelehrte aus Mainz, Worms und Speyer entscheiden erstmalig zusammen über einen Rechtsfall.
In den Städten Speyer, Worms und Mainz siedeln sich jeweils im Schatten des Doms jüdische Gemeinden an. Ihre Gelehrten vernetzen sich und tauschen sich regelmäßig zu religiösen Bräuchen und Rechtsfragen aus. Sie fassen gemeinsame Beschlüsse für alle drei Gemeinden – ein in der jüdischen Tradition ungewöhnlicher Vorgang. Damit entwickeln sie sich schließlich zu einer Autorität in Rechtsfragen in ganz Mitteleuropa. 1220 verschriftlichen sie auf einer Versammlung in Mainz alle Vorschriften als sogenannte Takkanot SchUM.
Das ehemalige Mainzer Kaufhaus am Brand aus dem frühen 14. Jahrhundert zeugt von der wirtschaftlichen Bedeutung der Stadt und dem regen Handel entlang der Rheinachse.
Die Verordnungen klären zum einen das Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden. Das betrifft unter anderem den Konsum von Speisen und Getränken, die Nichjuden zubereitet haben, sowie die Geldleihe zwischen Nichtjuden und Juden. Die Takkanot SchUM beinhalten auch ein Regelwerk zu innerjüdischen Angelegenheiten wie Kleidung, Haar- und Barttracht. Verordnungen des 13. Jahrhunderts zum Briefgeheimnis, zur Monogamie oder zur Stellung der Frau in Scheidungssituationen bestätigen die wegweisenden Takkanot des großen Mainzer Gelehrten Gerschom ben Jehuda aus der Zeit der Jahrtausendwende.
1084–1190
Vertreibung und Pogrome
Auch in der Blütezeit der SchUM-Gemeinden mit einem lang anhaltenden guten christlich-jüdischen Miteinander gibt es Ausbrüche von Judenhass und Verfolgung.
Erste Rückschläge erleidet die Gemeinde in Mainz mit der Brandkatastrophe im Jahr 1084. Viele retten sich nach Speyer und begründen eine neue jüdische Gemeinde unter dem Schutz des Speyerer Bischofs.
Von 1095 bis 1099 fand der Erste Kreuzzug statt, ausgerufen von Papst Urban II. Von den grausamen Angriffen der Kreuzfahrerheere im Mai 1096 erholt sich Magenza als Muttergemeinde von SchUM nur sehr langsam. Hunderte Jüdinnen und Juden werden bei diesem Massaker brutal getötet. Ein Ereignis, das sich tief in die kollektive Erinnerung des Judentums eingeschrieben hat.
Einschneidend war auch der Kreuzzug des Kaisers Friedrich Barbarossa (1187 bis 1190).
1084
Erste jüdische Gemeinde in Speyer
Eine jüdische Gemeinde, so hofft der Speyerer Bischof Rüdiger Huozman, werde seine Stadt aufwerten. Er stellt ihnen ein umfangreiches Privileg aus, das ihre Stellung in Speyer grundlegend verbessert. Ein Jahrzehnt später wird das Privileg noch um den Schutz des Kaiserhauses und weitreichende Handelsprivilegien für jüdische Händler erweitert.
1348–1350
Die Pest wütet in Europa
Als die Pest 1348/1349 in Europa wütet, grassieren Verschwörungstheorien. Allerorten werden für das große Sterben jüdische Gemeinden als so genannte Brunnenvergifter verantwortlich gemacht. In der Folge wird die Mainzer Gemeinde vernichtet, später auch ihre Häuser geplündert.
Rabbiner Maharil, von großer Bedeutung durch seine Rechtsentscheide und Predigten, erinnert sich aus Erzählungen an das lebendige Gemeindeleben von Magenza und lässt von seinem Schüler die „Bräuche“ (minhagim) schriftlich festhalten. Dank dieses Meisterwerks sind die Bräuche der SchUM-Gemeinden für die Nachwelt gesichert.
Ab 1356 erfolgte der Wiederaufbau der Gemeinde.
14. Jahrhundert
Ende der Blütezeit von SchUM in Mainz
Die Steine auf dem Alten Jüdischen Friedhof in Mainz bezeugen die Existenz jüdischen Lebens in Mainz seit dem 10. Jahrhundert bis ins 19. Jahrhundert. Anhand der Grabinschriften wird der Bruch zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert deutlich.
Durch die Vertreibung und Verfolgung wurden Grabsteine gewaltsam aus dem Friedhof herausgerisssen und als Einbauten an verschiedenen Orten in der Stadt missbraucht. Dislozierte Steine wurden bei Bauarbeiten im Stadtgebiet immer wieder gefunden. Sie wurden gesammelt und 1926 auf dem sogenannten Denkmalfriedhof aufgestellt.
SchUM heute
UNESCO-Welterbe
2021 wurden die SchUM-Stätten in Speyer, Worms und Mainz als erstes jüdisches UNESCO-Welterbe Deutschlands ausgezeichnet. Die Dauerausstellung im UNESCO-Besuchszentrum Sali-Levi-Haus vermittelt anschaulich die Bedeutung der SchUM-Stätte Alter Jüdischer Friedhof am Judensand und die Rolle von Magenza als Muttergemeinde.
Weitere Informationen finden Sie beim Besuch der Ausstellung im UNESCO-Besuchszentrum Sali-Levi-Haus.
UNESCO-Besuchszentrum Sali-Levi-Haus
(Eingang Paul-Denis-Straße)
Dr.-Siegmund-Salfeld-Platz 1
55122 Mainz
Alter Jüdischer Friedhof am Judensand
Mombacher Straße 63
55122 Mainz