Mainz - Magenza

Mainz, die Muttergemeinde von SchUM

Mainz bot in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts gute Voraussetzungen für die Gründung einer jüdischen Gemeinde. Sie konnte sich in der Handelsstadt am Rhein wirtschaftlich schnell entwickeln. Erzbischof Willigis und das Kaiserhaus der Ottonen gewährten der jüdischen Gemeinde Schutz und Handelsfreiheit. Als um die Jahrtausendwende eine Talmud-Hochschule, eine Jeschiwa, eröffnete, wurde Magenza zum Zentrum der Gelehrsamkeit für Studierende und Gelehrte aus ganz Europa. Hier entstanden neue liturgische Dichtungen und Rechtsgutachten, die das aschkenasische Judentum bis heute prägen. Auch in der Blütezeit der SchUM-Gemeinden gab es Ausbrüche von Judenhass und Verfolgung. Vom Angriff der Kreuzfahrerheere im Mai 1096 erholte sich Magenzaals Muttergemeinde von SchUM nur langsam. An dieses grausame Ereignis, dem hunderte Jüdinnen und Juden zum Opfer fielen, erinnern bis heute liturgische Gesänge und Gebete, die Pijjutim Mimagenza

Memorbuch Mainz

Das Mainzer Memorbuch, Sefer zikaron (Buch der Erinnerung), dokumentiert fast lückenlos die Geschichte der jüdischen Gemeinden im aschkenasischen Raum vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert. Es ist die Fortführung des sogenannten Nürnberger Memorbuchs von 1296. Das gut erhaltene handgeschriebene Buch enthält Gedenkbitten für Verstorbene sowie viele Informationen zur jüdischen Geschichte in Mainz. Es ist ein einzigartiges Zeugnis jüdisch-orthodoxer Traditionen im 19. Jahrhundert in Deutschland. Bis zum Novemberpogrom 1938 wurde das Memorbuch in Mainz regelmäßig verlesen. Nach dem Zweiten Weltkrieg gelangte das Manuskript nach Israel.

Der Mainzer Denkmalfriedhof

Weil die jüdische Gemeinde mehrmals aus Mainz vertrieben und der Friedhof geschändet wurde, ist die ursprüngliche Belegung des Alten Jüdischen Friedhofs heute nicht mehr vollständig zu erkennen. Nach einem Beschluss des Stadtrats im Jahr 1438 wurden die Grabsteine vom Judensand entfernt und im Stadtgebiet als Baumaterial verwendet. Im 19. Jahrhundert kamen viele Steine bei Baumaßnahmen ans Tageslicht. Es war vor allem der Initiative des Gemeinderabbiners Siegmund Salfeld zu verdanken, dass diese wiederentdeckten Grabsteine zusammengetragen wurden. Salfelds Nachfolger Sali Levi gelang es, 1926 einen sogenannten Denkmalfriedhof einzurichten: Alle aufgefundenen mittelalterlichen Grabsteine ließ er wieder an ihrem ursprünglichen Ort aufstellen. Heute sind diese Steine aus der Zeit zwischen dem 11. und dem 15. Jahrhundert ein wichtiges Zeugnis der einst blühenden Gemeinde Magenza

Prof. Dr. Siegmund Salfeld und Dr. Sali Levi

Prof. Dr. Siegmund Salfeld (1843–1926), Rabbiner und Historiker, transkribierte und übersetzte die Inschriften der wiedergefundenen Grabsteine und ebnete so den Weg für den Denkmalfriedhof. Dank seiner Publikationen zur Geschichte des Judentums genoss er in Deutschland einen hervorragenden Ruf. Für seine Verdienste um die Wissenschaft verlieh ihm der hessische Großherzog den Ehrentitel „Professor“. Er war damit einer der ersten deutschen Rabbiner, die den Professorentitel erhielten. 

Dr. Sali Levi (1883–1941) erforschte die Geschichte des jüdischen Mainz. Aus seiner Studienstadt Breslau kam er 1918 als Rabbiner nach Mainz. 1926 eröffnete er den Denkmalfriedhof und das Museum jüdischer Altertümer in der 1912 erbauten Hauptsynagoge. Er war ein überaus angesehenes Mitglied der Mainzer Stadtgesellschaft und letzter Rabbiner der liberalen Gemeinde.

Die Takkanot SchUM

Die Gelehrten aus den mittelalterlichen Gemeinden Speyer, Worms und Mainz waren gut vernetzt und tauschten sich regelmäßig zu religiösen Bräuchen und Rechtsfragen aus. Sie fassten Beschlüsse für alle drei Gemeinden – ein in der jüdischen Tradition ungewöhnlicher Vorgang. Da sich die SchUM-Gemeinden zu einer Autorität in Rechtsfragen entwickelt hatten, verschriftlichten sie alle Vorschriften 1220 auf einer Versammlung in Mainz. Als sogenannte Takkanot SchUM fand diese Sammlung weit über die Grenzen der SchUM-Gemeinden hinaus Beachtung. Im 15. Jahrhundert nahmen jüdische Auswanderer die Takkanot SchUM mit nach Osteuropa, vor allem nach Polen, Litauen und Ungarn.

Takkanot SchUM Beispiele

Gerschom ben Jehudas Kampf um Frauenrechte

Gerschom ben Jehuda (960–1028) legte den Grundstein für die Tradition der selbstbewussten jüdischen Frau. Noch heute ist sein Name in der jüdischen Welt bekannt. Eine der bedeutendsten seiner zahlreichen Takkanot (Verordnungen) ist die Abschaffung der Polygamie (Mehrehe). 
Obwohl alles dafür getan wurde, dass Ehen Bestand haben, waren Scheidungen im Judentum schon damals grundsätzlich möglich. Im Falle einer Scheidung blieb die materielle Versorgung der Frau ungeklärt. Das änderte Gerschom ben Jehuda, indem er festsetzte, dass die Scheidung nur noch mit Einwilligung der Frau vollzogen werden konnte. Sie hatte damit mehr Möglichkeiten, ihre finanziellen Ansprüche durchzusetzen. 
Gerschom ben Jehudas Verordnungen waren so wegweisend, dass sie 200 Jahre später Eingang in die Takkanot SchUM (1220) fanden.

Stärkung der Frauenrechte durch Eliezer ben Nathan

Die Gemeinden am Rhein nahmen stets eine Vorreiterrolle ein, wenn es um die Rechte von Frauen ging. So ermöglichte der Mainzer Rabbiner Eliezer ben Nathan (ca. 1090–1170) mit seinen Takkanot die Berufstätigkeit der Frau. 
Ihm war es außerdem zu verdanken, dass Frauen in der Ehe ihr eigenes Vermögen behalten durften.

Welche Bereiche regelten die Takkanot SchUM?

 Eine Auswahl: 

  • Briefgeheimnis (Takkanot 1220 nach Gerschom ben Jehuda)
  • Transport und Behandlung von Fleisch (Takkanot 1220)
  • Verhältnis von Juden und Nichtjuden: 
    Verzehr von Speisen, die Nichtjuden zubereitet haben, sowie Zubereitung von Speisen am Schabbat durch Nichtjuden (Takkanot 1220 und 1223)
    Herstellung von und Handel mit unkoscherem Wein (Takkanot 1220 und 1223)
    Geldleihe an Nichtjuden (Takkanot 1306/1307)
  • Monogamie und Eheversprechen (Takkanot 1223 nach Gerschom ben Jehuda)
  • Regeln zu Kleidung, Haar- und Barttracht (Takkanot 1223)
  • Verbot gemeinsamer Mahlzeiten von Eheleuten (Mahlgemeinschaft) während der Menstruation der Frau (Takkanot 1223)
  • Verpflichtung, einer Ladung vor Gericht nachzukommen (Takkanot 1223 nach Rabbenu Tam)
  • Finanzierung der Schulausbildung durch verschiedene Stiftungen (Takkanot 1306/1307)

Lebendiges Judentum in Mainz heute

Die einst blühende Gemeinde Magenza erlebte nach der Schoah einen Neuanfang. Etwa 20 Überlebende gründeten 1945 eine neue jüdische Gemeinde, und zwar symbolträchtig am 9. November. Nach 1990 wuchs sie auf mehr als 1.000 Mitglieder an. Grund war der Zuzug von Jüdinnen und Juden aus den ehemaligen Sowjetrepubliken. Damit wurde ein größeres Gemeindezentrum notwendig. Mit Unterstützung von Stadt, Land, Stiftungen und Vereinen setzte der spektakuläre Bau der Neuen Synagoge schließlich im Jahr 2010 ein sichtbares Zeichen für eine lebendige und selbstbewusste jüdische Gemeinde.

Buchstabenteppich im Betraum

Architekt Manuel Herz hat beim Entwurf der Neuen Synagoge die Schrift zum gestalterischen Leitmotiv erklärt. Für Jüdinnen und Juden in der Diaspora sind die heiligen Schriften so etwas wie eine weltumspannende Heimat geworden. Mit dem Baukörper bildet der Architekt das hebräische Wort Keduschah (Heiligung) ab. Die fünf Buchstaben geben der Synagoge ihre Form. Zudem ist der Betsaal mit goldenen hebräischen Buchstaben ausgekleidet. Es handelt sich um Zitate aus den Pijjutim Mimagenza, liturgischen Dichtungen aus Mainz, zu verstehen als literarisches Echo auf die Ereignisse während des Kreuzzugspogroms von 1096.