Trauerrituale
Bet ha-Chajim – Haus des Lebens
Der Friedhof hat im Judentum verschiedene Bezeichnungen:
Bet ha-Chajim – „Haus des Lebens“
Bet ha-Olam – „Haus der Ewigkeit“
Bet Kwarot – „Haus der Gräber“
Nach jüdischem Verständnis verweisen diese Bezeichnungen auf die Auferstehung und das ewige Leben. Verstorbene haben somit auf dem Friedhof eine Ruhestätte auf unbegrenzte Zeit. Gemäß den Gesetzen des Judentums (Halacha) gibt es ausschließlich Erdbestattungen. Der Überlieferung zufolge erfahren alle Toten erst mit dem Eintreffen des Messias eine leibliche Auferstehung. Aus diesem Grund und weil die Totenruhe heilig ist, werden jüdische Friedhöfe nicht aufgegeben.
Fun Fact
chaj in hebräischen Schriftzeichen
Da den hebräischen Buchstaben jeweils eine Zahl zugeordnet ist, ergeben sich aus den Wörtern und Zahlenwerten des Hebräischen interessante Kombinationen. So sollte die Chewra Kaddischa im Idealfall 18 Mitglieder haben. Denn die Zahl 18 wird gebildet aus den Buchstaben jod (= 10) und chet (= 8) und kann dann als chaj (= lebendig) gelesen werden. Kennst du noch andere Buchstaben-Zahlen-Kombinationen des Judentums?
Trauerrede und Kaddisch-Gebete
Um die Hinterbliebenen zu trösten, wird am Grab eine Trauerrede (Hesped) gehalten. Diese lobende Rede zu Ehren der verstorbenen Person ist eine bedeutende Mitzwa (Verpflichtung) im Judentum. Den feierlichen Abschluss der Begräbniszeremonie bildet das Kaddisch am Grab. Im ersten Jahr nach dem Tod eines Angehörigen sprechen Trauernde zudem das Jahrzeit-Kaddisch am Ende eines Gottesdienstes. Das Gebet in hebräischer und aramäischer Sprache gehört zum ältesten Teil der jüdischen Liturgie. Kaddisch bedeutet Heiligung, es ist ein Gebet zum Lobpreis Gottes. Wie im christlichen Vaterunser finden sich im Kaddisch Formulierungen wie „Geheiligt werde sein großer Name“ oder „Sein Reiche erstehe“. Um das Kaddisch zu beten, braucht es eine Gemeinschaft von mindestens zehn religionsmündigen Männern (Minjan).
Trauerzeiten
Im Judentum gibt es genau festgelegte Zeiten der Trauer:
Schiwa – Sieben-Tage-Trauer
Schloschim – 30-Tage-Trauer
Awelut – Trauerjahr
Unmittelbar nach dem Begräbnis beginnen für die nahen Angehörigen die sieben Trauertage (Schiwa). Beim Trauern sitzen die Hinterbliebenen auf niedrigen Schemeln oder auf dem Boden. Die Tradition sieht vor, dass man als äußeres Zeichen die Kleidung einreißt (Keria) und die Spiegel im Haus verhängt. Auch die Körperpflege wird auf das Nötigste reduziert. Bis zum Ablauf von 30 Tagen (Schloschim) – im Fall der Trauer um die eigenen Eltern ein ganzes Jahr (Awelut) – verzichten die engsten Angehörigen auf jegliche Vergnügungen. Die Trauerzeit endet mit dem Setzen des Grabsteins, für gewöhnlich spätestens am Jahrestag (Jahrzeit).
Schemel
Während der intensiven ersten Trauerphase (Schiwa) sitzen die Hinterbliebenen auf Schemeln oder anderen niedrigen Möbeln („Schiwwe sitzen“).
Kidduschbecher
Der Kidduschbecher kommt an Schabbat und anderen Feiertagen beim Kiddusch zum Einsatz, einem Gebet, mit dem Wein und Brot gesegnet werden.
Ein Säckchen Erde aus dem Heiligen Land
Beim Begräbnis wird ein Säckchen Erde aus dem Heiligen Land in den Sarg gelegt.
Chewra Kaddischa – Wer kümmert sich um die Toten und Hinterbliebenen?
Für die Totenbestattung gibt es in jeder größeren Gemeinde eine Chewra Kaddischa, eine „Heilige Gesellschaft“. Die ehrenamtlichen Aufgaben umfassen neben der Totenwache und der Betreuung der Hinterbliebenen vor allem die rituelle Waschung der Toten im Bet Tahara („Haus der Reinheit“) auf dem Friedhof. Die Mitglieder der Chewra Kaddischa kleiden die verstorbene Person in ein weißes Totengewand und legen sie in einen schlichten Sarg. Diese Tradition symbolisiert die Gleichheit aller vor dem Schöpfer in der kommenden Welt. Männer werden außerdem mit ihrem Tallit, dem Gebetsmantel, bestattet. Als Zeichen der Verbundenheit mit dem Heiligen Land wird dem Sarg ein Säckchen Erde aus Israel beigegeben.
Der jüdische Friedhof als Ort für die Ewigkeit
Im Unterschied zu christlichen oder kommunalen Friedhöfen bestehen Grabstätten auf jüdischen Friedhöfen auf ewige Zeit. Wegen der Unantastbarkeit der Totenruhe werden die Gräber weder verkauft noch aufgelassen, Efeu und Moos legen sich über die Grabsteine. Um die heilige Totenruhe zu wahren, gelten auf einem jüdischen Friedhof besondere Regeln. Nach dem jüdischen Religionsgesetz (Halacha) dürfen Lebende keinen Nutzen aus dem Tod ziehen. Deshalb ist es nicht erlaubt, Blumen oder Früchte auf dem Friedhof zu pflücken. Außerdem darf man nicht über den Friedhof gehen, nur um einen Weg abzukürzen. Die Hoffnung auf Auferstehung ist Teil der jüdischen Tradition. Allerdings gibt es im Judentum verschiedene Auffassungen darüber, wie sich die Auferstehung konkret vollzieht.