Grabstein
Grabstein von Amram ben Yona (gest. 1086)
Übersetzung der Grabinschrift aus dem Hebräischen
Denkmal für das Grab des
Herrn Amram, des jungen Mannes,
Sohn des Yona, des Haver*, der
aus der Heiligen Stadt kam und getötet wurde
am Tage des Zorns, am 18.
im Elul des (Jahres) 846
nach der Zählung [31.8.1086]. Sein Ruhen (sei) im (Garten) Eden.
* Haver: wörtlich „Gefährte“ für einen rabbinisch Gebildeten, der noch nicht den Titel Rav (Rabbiner) trägt
Die Grabstele des Amram ben Yona wurde erst 2007 in Mainz entdeckt. Das Besondere: Der Verstorbene war einst aus Jerusalem, der „heiligen Stadt“ (‘Ir ha-qodesh), hierhergekommen. Dass Rav Amram Yerushalmi als bedeutender Gelehrter aus Jerusalem nach Mainz zog, zeigt, welche Strahlkraft die Mainzer Talmudhochschule damals hatte. Die Inschrift seines Grabsteins lässt vermuten, dass er Ende des 11. Jahrhunderts in Mainz einem bislang nicht bekannten Pogrom oder Mord zum Opfer fiel.
Grabsteine durch die Jahrhunderte
Die Grabinschrift
Hier ist begraben • po tamun • פ”ט
Hier liegt / ruht • po nikbar / po nitman • פ”נ
Seine Seele sei eingebunden im Bund des Lebens (vgl. 1. Sam 25.29) • tehi nischmato tserura bi-tseror ha-chajim • תנצב”ה
Eine hebräische Grabinschrift folgt einem bestimmten Muster. Zu den wesentlichen Elementen gehören der Name der oder des Verstorbenen, ergänzt um den Namen des Vaters, sowie der Todestag nach dem jüdischen Kalender. Umrahmt werden diese Angaben von einer Eingangsformel und einem abschließenden Segenswunsch, meist in abgekürzter Form. Besonderen Raum nimmt der poetische Lobpreis ein, der den Charakter der verstorbenen Person würdigt. Dabei werden vor allem Gelehrsamkeit, Frömmigkeit und Wohltätigkeit hervorgehoben.
Grabsteinform
Die kleine, aufrechtstehende Stele, die ohne Sockel direkt in den Boden gesetzt wird, ist typisch für das aschkenasische Judentum. Sie verkörpert den Anspruch, aller Toten gleichberechtigt zu gedenken. Das wichtigste Schmuckelement des Grabsteins ist die Inschrift. Im Laufe der Zeit entstehen auch Grabsteine mit gotischen Zierelementen oder barocken Formen. Seit dem frühen 19. Jahrhundert spiegeln sich wachsender Wohlstand und beruflicher Erfolg in neuen Grabsteinformen und größeren Dimensionen wider. Klassizistische Elemente wie eine gebrochene Säule, ein Opferaltar mit Urne oder ein Obelisk, die auch auf christlichen Gräbern anzutreffen sind, finden sich nun zunehmend auf jüdischen Friedhöfen. Gleichzeitig halten viele Jüdinnen und Juden an der Tradition schlicht gestalteter Grabsteine fest.
Symbole
Seit Ende des Mittelalters sind Symbole auf jüdischen Grabsteinen verbreitet. Sie verweisen auf die Abstammung oder ein Ehrenamt der verstorbenen Person. Gelegentlich werden auch Namen bildlich dargestellt. Darüber hinaus beziehen sich Symbole auf Eigenschaften wie große Gelehrsamkeit oder Frömmigkeit.
Segnende Priesterhände
Ein Mitglied der Priesterschaft, das direkt von Aaron abstammt, wird als Kohen (Plural: Kohanim) bezeichnet. Davon leiten sich später Nachnamen wie Cohn, Kahn oder Katz ab.
Levitenkanne
Die Leviten reichten im Tempel zu Jerusalem den Priestern das Wasser. Ihre Nachfahren heißen zum Beispiel Levy, Löw oder Löb.
Beschneidungsmesser
Verweis auf das Ehrenamt des Mohel, der die Beschneidung vornimmt.
Krone
Die Krone verweist auf eine rabbinische Weisheit: „Drei Kronen können den Menschen zieren: Die Krone der Tora, der Priesterschaft, des Königtums, aber die des guten Namens überragt alle drei.“
Schabbatleuchter, Menora
Mit dem Anzünden der Lichter läutet die Mutter den Schabbat im Familienkreis ein.
Davidstern
Der sechseckige Stern verbildlicht den Namen David. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts wird der Davidstern zum Symbol des Judentums allgemein.
Schofar, Widderhorn
Das Widderhorn (Schofar) verweist auf das Ehrenamt des Schofarbläsers an hohen Festtagen – eine hohe Auszeichnung.
Fun Fact
Der aaronitische Gruß: Von der Synagoge ins Weltall
Der aaronitische Gruß mit der V-förmigen Handhaltung wurde durch die Fernsehserie „Star Trek“ weltberühmt. Schauspieler Leonard Nimoy verwendete die Geste erstmals 1967 in der Rolle des Mr. Spock als „vulkanischen Gruß“. Dabei ließ er sich von einer Kindheitserinnerung inspirieren: In der Synagoge sprachen die Kohanim (Priester) mit dieser Handhaltung den Segen.
Veränderungen durch die Emanzipation
Unter französischem Einfluss erlangt die jüdische Bevölkerung ab 1797 in den linksrheinischen Gebieten die politische Gleichstellung (Emanzipation). Dies spiegelt sich auch auf jüdischen Gräbern wider, wo die hebräische Inschrift immer mehr zugunsten der deutschen Inschrift zurücktritt. Auch die Namensgebung ändert sich: Nach einem Dekret Napoleons 1808 nehmen Bürger „mosaischen Glaubens“ verbindliche Familiennamen an. In Mainz und im rheinhessischen Umland leiten sich viele dieser Nachnamen vom Herkunftsort ab, etwa Bischofsheim oder Oppenheim.
Steine und Kwitlech
Grabschmuck ist im Judentum nicht üblich. Statt Blumen legt man zum Gedenken kleine Steine auf das Grab, um die Toten zu ehren und stille Anteilnahme zu zeigen. Ursprünglich dienten Steine in der Wüste dazu, Gräber vor wilden Tieren zu schützen und die Grabstelle zu markieren. Nach chassidischem Brauch werden heutzutage beim Grabbesuch manchmal auch kleine Zettel mit einem Bittgebet auf dem Grabstein abgelegt, sogenannte Kwitlech – ähnlich wie an der Klagemauer in Jerusalem.
Von Märtyrern am Judensand – Grabinschriften berichten von grausamen Schicksalen
Mittelalterliche Grabinschriften sind eine wichtige Quelle für die Geschichtsschreibung der jeweiligen jüdischen Gemeinde – gleichsam ein zu Stein gewordenes Archiv. Manche Grabinschriften, wie auf dem hier ausgestellten Stein von Amram ben Yona, berichten von schlimmen Gewalttaten, die zum Tod führten. Da das jüdische Leben im Mittelalter umfassend religiös geprägt war, galt ein gewaltsamer Tod als Kiddush ha-shem, als Martyrium um des Glaubens willen, und wurde entsprechend betrauert. In welchem historischen Kontext stehen diese Morde?