Denkmalfriedhof Judensand
Was ist eigentlich ein Denkmalfriedhof?
Die ewige Ruhe auf dem „Judensand“ wurde im Laufe der Geschichte mehrmals gestört. Als die jüdische Gemeinde 1438 aus Mainz vertrieben wurde, riss man die mittelalterlichen Grabsteine heraus und verbaute sie im Stadtgebiet. Mehr als 100 dieser historischen Steine wurden bei Bauarbeiten im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts entdeckt und geborgen.
Die Mainzer Rabbiner Siegmund Salfeld und Sali Levi sammelten diese Fundstücke. Im Jahr 1926 legten sie den so genannten Denkmalfriedhof auf einem nicht genutzten Teil des mittelalterlichen Friedhofs an. Die wiedergefundenen Grabsteine ordneten sie dort bewusst willkürlich an und nicht – wie ursprünglich üblich – nach Osten gen Jerusalem ausgerichtet. Heute sind hier insgesamt 168 Grabsteine zu sehen, darunter die Grabsteine bedeutender jüdischer Lehrer aus dem 11. Jahrhundert. Der älteste noch erhaltene Grabstein Mitteleuropas stammt aus dem Jahr 1049. Er befindet sich im Landesmuseum in Mainz.
Die zusammengeführten Grabsteine auf dem Denkmalfriedhof sind einzigartig. Sie bezeugen zum einen die Bedeutung von Magenza (Mainz) als Zentrum des aschkenasischen Judentums und zum anderen die jahrhundertealte Verwurzelung der jüdischen Gemeinde in Mainz.
Einzigartige Grabsteine
Gerschom ben Jehuda (geb. 960 in Metz – gest. 1028 in Mainz)
Zu den im Stadtgebiet wiederentdeckten mittelalterlichen Fundstücken gehört der Gedenkstein von Gerschom ben Jehuda, bekannt unter dem Ehrennamen „Unser Lehrer Gerschom, Leuchte des Exils“ (Rabbenu Gerschom Me'or Hagolah). Als einer der einflussreichsten rabbinischen Gelehrten des Abendlands wirkte Gerschom ben Jehuda um die Jahrtausendwende an der Mainzer Talmudschule. Die jüdische Gemeinde erlebte zu dieser Zeit wirtschaftlich und geistig ihre wohl größte Blüte. Gerschoms Verordnungen des religiösen Rechts (Takkanot) waren so richtungsweisend, dass sie in den folgenden Jahrhunderten immer wieder bestätigt wurden. Seine Takkanot prägten das aschkenasische Judentum maßgeblich, etwa die Verordnungen zur endgültigen Abschaffung der Mehrehe oder zur Einführung des Briefgeheimnisses. Frauen räumte er ein Mitspracherecht bei der Scheidung ein.
Maharil (geb. 1365 in Mainz – gest. 1427 in Worms)
Nach dem Pestpogrom von 1349 verschlechterte sich die rechtliche und wirtschaftliche Lage der jüdischen Bevölkerung. Der kulturelle und religiöse Schwerpunkt des aschkenasischen Judentums verlagerte sich allmählich weiter nach Osten. Rabbi Yaakov haLevi Moelin, bekannt unter dem Akronym MaHaRIL, entwickelte sich zur höchsten jüdischen Autorität seiner Zeit. Die Traditionen des aschkenasischen Judentums sind in seinem „Buch der Bräuche“ (Sefer Minhagim) für die Nachwelt überliefert. Er hielt die Gottesdienstordnung für die deutschen Gemeinden fest und ordnete an, die liturgischen Gesänge der Heiligen Gemeinde Magenza seien unveränderbar. Kurz vor seinem Tod begab er sich nach Worms. Sein Grabstein auf dem dortigen „Heiligen Sand“ wird noch heute von jüdischen Besuchern besonders verehrt.
Jakob ben Jakar (gest. 1064 in Mainz)
Jakob oder Jaakov ben Jakar stammte aus Mainz. Er studierte an der Mainzer Talmudakademie (Jeschiwa) beim berühmten Gelehrten Gerschom ben Jehuda. Zunächst als Lehrer in Mainz tätig, übernahm er 1060 die Leitung der Jeschiwa in Worms. Jakob ben Jakar war weit über die Grenzen von Mainz hinaus eine Autorität in Fragen der jüdischen Gebote und Verbote (Halacha). Weltweit wird er verehrt als Lehrer von Raschi aus Troyes, der als der berühmteste Gelehrte aus den SchUM-Gemeinden gilt und bis heute eine hohe Autorität im Judentum besitzt. Jakobs Grabstein war in der ehemaligen Mainzer Stadtbefestigung vermauert und wurde 1922 zufällig bei Abbrucharbeiten wiederentdeckt.
Meschullam ben Kalonymos (gest. um 1000/1015 in Mainz)
Die Blütezeit des jüdischen Mainz begann mit der aus Lucca zugewanderten Familie Kalonymos. Moses ben Kalonymos, Meschullams Vater, wird die Gründung der Gemeinde Magenza Mitte des 10. Jahrhunderts zugeschrieben. Unter dem Einfluss der Familie Kalonymos entwickelte sich Mainz zum Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit. Meschullam ist vor allem für seine liturgische Dichtung bekannt. Er verfasste zudem Texte zur „Halacha des Handels und Wirtschaftens“ und begründete damit am Rhein eine Talmud-Interpretation nach dem Vorbild der jüdischen Akademien in Babylonien. Sein Gedenkstein wurde 1859 während der Rheinuferbefestigung für die Ludwigsbahn gefunden, zusammen mit etwa 100 weiteren Grabsteinen. Die Grabinschrift würdigt ihn mit dem Worten „Unser Lehrer Meschullam“ (Rabbana Meschullam).
Ein jüdischer Papst aus Mainz? Simon der Große (geb. um 950 in Mainz – gest. 1015 in Mainz)
Eine der herausragendsten Persönlichkeiten der einst blühenden jüdischen Gemeinde Magenza war der Rabbiner Shimon bar Yitshak. Im alten Nürnberger Memorbuch wird er als „Simon der Große“ bezeichnet. Seine Dichtung wird im Morgengebet des 2. Tages Rosch ha-schana (jüdisches Neujahrsfest) gesungen. Simons Grab auf dem „Judensand“ gilt als verschollen. Am Kopfende dieses Grabes soll eine Quelle mit Heilwasser entsprungen sein. Um Simon den Großen rankt sich außerdem die Legende, dass Christen seinen Sohn Elchanan als Kleinkind auf dem Mainzer Markt entführten und in ein Kloster brachten. Später sei Elchanan in Rom zum Papst gewählt worden, wo sein Vater ihn auf wundersame Weise beim Schachspiel wiedererkannt haben soll. Daraufhin sei Elchanan nach Mainz zurückgekehrt, in die Gemeinde seines Vaters.
Alter Jüdischer Friedhof „Judensand“
Jüdische Begräbnisstätten gehören zu den wichtigsten Zeugnissen der jüdischen Geschichte in Europa. Der Alte Jüdische Friedhof „Judensand“ mit nahezu 1.700 historischen Grabsteinen ist somit ein bedeutender Teil des Weltkulturerbes der SchUM-Stätten Speyer, Worms und Mainz.
Der „Judensand“ in Mainz ist neben dem „Heiligen Sand“ in Worms der größte und älteste erhaltene jüdische Friedhof in Mitteleuropa. Er liegt an einer ehemaligen römischen Ausfallstraße vor der mittelalterlichen Stadt. Seine ältesten Grabsteine stammen aus dem 11. Jahrhundert. Hier findet man erstmals grundlegende Gestaltungsformen aschkenasischer Gräber.
Auch wenn die jüdische Bevölkerung mehrfach vertrieben wurde, blieb der „Judensand“ über Jahrhunderte der Begräbnisort für Jüdinnen und Juden aus Mainz und Umgebung. Erst im Jahr 1880 wurde er endgültig geschlossen, nachdem an der Unteren Zahlbacher Straße der Neue Jüdische Friedhof eröffnet worden war.
Grabsteine, die 1958 und 2008 im oberen Teil um die ehemalige Landwirtschaftsschule gefunden wurden, belegen die Ausmaße des einst größten jüdischen Friedhofs des aschkenasischen Judentums. Begrenzt wird der Alte Jüdische Friedhof von der Mombacher Straße und der heutigen Fritz-Kohl-Straße.
1803 verfügte der französische Präfekt Jeanbon St. André die Schließung des Alten Jüdischen Friedhofs und ordnete an, die Begräbnisstätten aller Konfessionen ins Zahlbachtal zu verlegen. Während eines Aufenthalts Napoleons in Mainz 1805 erhielt die jüdische Gemeinde die Erlaubnis, ihre Toten wieder dauerhaft auf dem „Judensand“ zu bestatten.
Im Jahr 2007 wurden bei Bauarbeiten auf dem Feld oberhalb des Friedhofs jüdische Grabsteine aus dem Mittelalter entdeckt. Es folgte ein sofortiger Baustopp. Das gesamte Areal wurde dem Alten Jüdischen Friedhof zugeordnet.
Aschkenasisches Judentum (535 ZmL)
Aschkenas ist eine alte hebräische Bezeichnung für Deutschland. Im Mittelalter entwickelten sich entlang des Rheins in den SchUM-Städten religiöse und kulturelle Traditionen, die sich später durch Migration bis nach Osteuropa verbreiteten. Das Jiddische ist Teil ihrer kulturellen Identität.
Die Traditionen des aschkenasischen Judentums unterscheiden sich von denen der Sephardim (Iberische Halbinsel / Nordafrika) und der Mizrachim (Vorderasien). Die Aschkenasim machen heute weltweit etwa Zweidrittel der jüdischen Gemeinschaft aus.
Sephardisches Judentum (517 ZmL)
Sepharad ist eine alte hebräische Bezeichnung für Spanien. Das sephardische Judentum beruht auf den Traditionen der jüdischen Gemeinden in Spanien und Portugal, deren Angehörige 1492 und 1495 von der Iberischen Halbinsel vertrieben wurden. Die Sephardim siedelten sich daraufhin vorwiegend im Osmanischen Reich und in Nordafrika an. Ihre Sprache ist das Ladino.
Die Begräbniskultur der Sephardim sieht beispielsweise eine liegende Steinplatte vor, während bei den Aschkenasim ein aufrechter Stein das Grab markiert.