Speyer - Schpira

Speyer – Zufluchtsort der Mainzer Juden

Die Gründung von Schpira als jüngster jüdischer Gemeinde im SchUM-Verbund hängt unmittelbar zusammen mit dem Brand im Mainzer Judenviertel im Jahr 1084. Noch im selben Jahr stellte der Speyerer Bischof den aus Mainz fliehenden Jüdinnen und Juden ein umfangreiches Privileg aus, das ihre Stellung in Speyer grundlegend veränderte. Eine jüdische Gemeinde, so hoffte der Bischof, werde die Stadt aufwerten. Zunächst waren Jüdinnen und Juden außerhalb der mittelalterlichen Stadtmauer angesiedelt. Nach dem Kreuzzug-Pogrom von 1096 entstand ein neues jüdisches Viertel in der Nähe des Doms. Von diesem Judenhof sind bis heute die Mikwe sowie Reste der Synagoge und der Frauenschul erhalten. Ab Mitte des 14. Jahrhunderts beschnitt der Speyerer Stadtrat zunehmend die Rechte der einst blühenden jüdischen Gemeinde. Das Ensemble im Judenhof ging schließlich im 16. Jahrhundert in den Besitz der Stadt Speyer über, nachdem diese die jüdische Bevölkerung aus der Stadt vertrieben hatte. 

Die Monumentalmikwe in Speyer

Das Ritualbad, die Mikwe, wurde zu Beginn des 12. Jahrhunderts in der Nähe der 1104 geweihten Synagoge errichtet. Sie ist die älteste erhaltene Monumentalmikwe Europas und war Vorbild für das etwas kleinere Ritualbad in Worms. Eine lange, gerade Treppe führt zunächst in einen Vorraum mit Umkleidekabine. Eine zweite, halbrunde Treppe mündet in das Tauchbecken, das in elf Metern Tiefe von Grundwasser gespeist wird. Die Mikwe diente der rituellen Reinigung, nachdem jemand mit Blut oder mit einer Leiche in Kontakt gekommen war. Das Ritual sah vor, dass die Person drei Mal untertaucht, und zwar bis zum Scheitel. Auch Gegenstände, zum Beispiel Geschirr, konnten im Wasser der Mikwe vor dem ersten Gebrauch den Zustand der „rituellen Reinheit“ erlangen.

Die Weisen von Speyer

Ende des 12. Jahrhunderts begründeten einflussreiche jüdische Gelehrte den sogenannten Chassidismus, eine Frömmigkeitsbewegung, die sich im aschkenasischen Judentum verbreitete. Wichtige Vorstellungen dieser Gelehrten sammelten Rabbi Yehuda he-Chassid und seine Anhänger im „Buch der Frommen“. Yehuda entstammte wie viele andere Gelehrte aus den Schum-Städten der berühmten jüdischen Gelehrtenfamilie Kalonymos. Zu den Schriften dieser Weisen gehören ein umfassendes Talmud-Lexikon sowie Klage- und Bußlieder, die an die Kreuzzug-Pogrome erinnern.

Freiheitsprivilegien zur Ansiedlung einer jüdischen Gemeinde

Aus dem Jahr 1084 ist eine einzigartige Urkunde überliefert: Bischof Rüdiger von Speyer legte darin weitreichende Privilegien für die jüdische Gemeinde fest. Er wies den Jüdinnen und Juden ein eigenes Wohnviertel zu und garantierte ihnen freies Handelsrecht sowie die Ausübung einer eigenen Gerichtsbarkeit und Verwaltung, geleitet von einem sogenannten Judenbischof. Diese verbriefte Autonomie der jüdischen Gemeinde in Speyer bestätigte und erweiterte Kaiser Heinrich IV. im Jahr 1090. Die kaiserliche Urkunde schloss auch die Wormser Judenschaft mit ein.

Wiederansiedlung jüdischer Bürger 1352

Nach dem sogenannten Pestpogrom von 1349, bei dem die jüdische Bevölkerung ermordet und vertrieben worden war, erkannte die Stadt den einstigen wirtschaftlichen Nutzen der jüdischen Gemeinde. Im Jahr 1352 sollte eine Urkunde das Zusammenleben mit Jüdinnen und Juden in Speyer neu regeln und sie zur Rückkehr in die Stadt bewegen. Die Motivation der Stadtherren zeigt sich anschaulich in der abgebildeten Initiale. Tatsächlich siedelten sich einige jüdische Familien wieder in Speyer an. Doch die jüdische Gemeinde erlangte nicht mehr die Bedeutung, die sie vor 1349 für das Wirtschaftsleben der Stadt hatte.

Audiostation

Das Klagelied aus dem 12. Jahrhundert nimmt Bezug auf die Kreuzzug-Pogrome. Die US-Musikerin Avery Gosfield („SchUM Artist in Residence“ 2022) ließ sich für diese Neukomposition von der besonderen Aura der Speyerer Mikwe inspirieren.